Forschergruppe Deutschböhmische Sprachinseln
Die heutigen Reste deutschböhmischer Besiedlung in Kansas gehen vor allem auf Auswanderer zurück, die nicht direkt aus dem Böhmerwald in die Neue Welt fanden, sondern bereits mehrere Jahrzehnte in der ehemals österreichischen Bukowina siedelten. In den amerikanischen Einwanderungsdokumenten wurden die Siedler daher häufig als Österreicher (Austrians) geführt.
Bukovina Society EllisCountyVor allem aus den Orten Bori, Fürstenthal, Karlsberg und Pojana Mikuli/Buchenhain fanden Deutschböhmen, viele in der Zeit zwischen 1880 und 1915, ihren Weg aus der Bukowina nach Nordamerika, nachdem deren Vorfahren Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre angestammte Heimat im Böhmerwald gen Osten verließen. Als Beginn der deutschböhmischen Besiedlung der Bukowina gilt die Gründung einer Glasfabrik in Karlsberg im Jahr 1786. Die letzten böhmischen Siedlungen wurden in den Jahren 1835-38 gegründet. Die nur wenige Jahrzehnte später einsetzende Auswanderung nach Nordamerika hatte vor allem wirtschaftliche Gründe. Die Mehrheit der amerikanischen Bukowiner findet sich heute in Ellis County, Kansas.
In Ellis ist von einem völligen Verlust der deutschböhmischen Primärsprache auszugehen. Nur noch wenige Sprecherinnen und Sprecher der älteren Generation beherrschen diese Mundart, wobei sich bei den einzelnen Gewährspersonen meist bemerkbar macht, dass ihre Muttersprache, mit der sie sozialisiert wurden und die häufig in ihren ersten Lebensjahren die einzige Sprache darstellte, deutliche Ab- und Umbautendenzen zeigt. Zahlreiche Entlehnungen aus dem Englischen, Lücken im Wortschatz und vor allem während der Gespräche mit den Bewohnern beobachtbare Unsicherheiten im Satzbau belegen dies deutlich. Hier lässt sich ein signifikanter Unterschied zu den deutschböhmischen Siedlern Transkarpatiens (Ukraine) erkennen. Die Äußerungen der Deutschböhmen von Ellis lassen zwar noch Rückschlüsse auf den Dialekt der Auswanderer zu, daneben sind sie aber ein Beleg für den Abbau der regionalen Ausprägung des Deutschen, der in ein oder zwei Generationen zum Sprachtod führen wird, bedingt durch das inzwischen alle Bereiche dominierende Englisch. Der ursprünglich bei den Sprechern, zumindest nach Eintritt in die Schule, vorhandene deutsch-englische Bilingualismus wird zugunsten eines Monolingualismus aufgegeben.
Ein Vergleich der deutschböhmischen Varietät in Ellis mit den Mundarten des Mittleren Böhmerwaldes zeigt eine große Übereinstimmung mit in den letzten Jahren durchgeführten Sprachaufnahmen des ADT (Atlas der deutschen Mundarten in der Tschechischen Republik) aus der Gegend zwischen Markt Eisenstein im Nordwesten und Winterberg im Südosten des Gebiets. Dies deutet darauf hin, dass die Vorfahren der Auswanderer aus diesem Teil des böhmischen Mittelgebirges, nahe der Grenze zu Bayern, stammten. Im Archiv des ADT wurden Dialektaufnahmen aus den Ortschaften Neumark/Všeruby, Vollmau/Folmava, Deschenitz/Dešenice, Grün/Zelena L., Eisenstraß/Hojsova Stráž, Markt Eisenstein/Železná Ruda, Kundratitz/Kundratice, Langendorf, Innergefild/Horska Kvilda, Winterberg/Vimperk, Neuhüblern/Nová Houžná, Oberschlag/Milešice, Eleonorenhain/Lenora und Langenbruck/Olšna mit den Aufnahmen des Informanten Joe Erbert aus Ellis, Kansas, abgeglichen. Die größte Passung ergab sich dabei mit den Aufnahmen aus Kundratitz und Langendorf.
Der BöhmerwaldBemerkenswert ist bezüglich metasprachlichen Wissens die Beobachtung, dass im Gegensatz zu den Sprechern in Transkarpatien die Bukowiner in Kansas ihre Sprache zutreffend als daitschbehmisch bezeichnen. Diese Benennungskompetenz steht wohl im Zusammenhang mit den kulturellen und sprachlichen Aktivitäten der Bukovina Society of the Americas in Ellis, die in den Jahren seit ihrem Bestehen Wissen über Herkunft, Kultur und Sprache unter den Mitgliedern der Gesellschaft verbreitete und weiterhin verbreiten wird.
Der Dialekt von Ellis lässt sich eindeutig der bairischen Dialektgruppe zuordnen. Er weist, je nach Gewährsperson, eine leichte bis deutliche Mischung der beiden Subsysteme Nordbairisch und Mittelbairisch auf. Gerade dieses Schwanken zwischen nord- und mittelbairischen Besonderheiten in Abhängigkeit zu den befragten Sprecherinnen und Sprechern ist für die Linguistik und Siedlungsforschung von besonderem Interesse. Es entsteht der Eindruck, dass in den einzelnen Familien unterschiedliche, bereits aus der Bukowina und wiederum vorher aus dem Böhmerwald mitgebrachte Dialektunterschiede sich zum Teil bis heute erhalten haben. So zeigt die Mundart einer Gewährsperson, deren Vorfahren aus Fürstenthal kamen, einen eher nordbairischen Vokalismus, die eines anderen Sprechers, dessen Großmutter ebenfalls aus Fürstenthal, sein Großvater jedoch aus Pojana Mikuli/Buchenhain stammte, mittelbairische Dialektmerkmale. Allerdings soll nicht unerwähnt bleiben, dass in der Sprache dieses Sprechers neben der Mehrheit von Wörtern mit mittelbairischer Lautung auch gelegentlich nordbairische Elemente greifbar sind. Dieses wortweise Wechseln zwischen nord- und mittelbairischen Merkmalen ist typisch für die Mischmundarten des mittleren Böhmerwaldes südöstlich von Markt Eisenstein. Dies belegen Vergleiche mit Aufnahmen des ADT (Atlas der deutschen Mundarten in der Tschechischen Republik) aus den Orten Kundratitz und Langendorf im tschechischen Böhmerwald.
Kirchenfenster in VictoriaDie deutschböhmischen Varietäten in Ellis County sind insofern als konservatives Bairisch zu klassifizieren, als bairische Kennwörter vorkommen, wie z. B. die Wochentagsnamen Ertag (Dienstag) und Pfinztag (Donnerstag). Die in keiner Position zu beobachtende, als mittelbairische Neuerung zu bezeichnende Vokalisierung von postvokalem L, ist ein weiteres Indiz für die hohe Konservativität der Siedlermundart. Allerdings zeigt sich auch in dieser Auswanderervarietät ein teilweiser Verlust bairischer Kennwörter. So konnte das Wort Pfeit (Hemd) nicht mehr belegt werden. Dieses Lexem ist den Gewährspersonen unbekannt. Deutliche Interferenzen zeigen sich mit der englisch-amerikanischen Mehrheitssprache (z. B. candy, flashlight, blizzard, alright), Einflüsse von anderen in der Umgebung gesprochenen deutschen Dialekten (Wolga- oder Plattdeutsch) auf das Deutschböhmische konnten im Zuge dieser Aufnahmen nicht festgestellt werden.